Plan "Deutschland-Takt": Besser aber nicht optimal

22. 07. 2020

Der Fahrgastverband PRO BAHN Südniedersachsen sieht in den von Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer und den Verkehrsverbänden vorgestellten Plänen für den Deutschland-Takt einige Verbesserungen für den Bahnverkehr, ist insgesamt aber enttäuscht. „Es gibt nur vereinzelte Taktverdichtungen. Ein langfristiger Masterplan für ganz Deutschland müsste anders aussehen. Manche Umsteigezeit ist für unsere Region so knapp kalkuliert, dass nur wenige Minuten Verspätung ausreichen, um einen Anschluss zu verpassen“, kritisiert PRO BAHN-Sprecher Gerd Aschoff. „Der Schuss könnte deshalb nach hinten losgehen, wenn die Strecken nicht ausreichend beschleunigt werden.“ Insgesamt sei zweifelhaft, ob mit den nun vorliegenden Plänen die propagierte Verdoppelung der Fahrgastzahlen auf der Schiene realisiert werden könne.
Leichte Aufstockung des Fernverkehrs in Göttingen
Auf dem Papier wird nach Analyse des Fahrgastverbandes der Fernverkehrshalt Göttingen etwas aufgewertet. Dann werden voraussichtlich ab 2025 stündlich 8 Fernzüge in der Uni-versitätsstadt halten. Nur ein Teil der Linien (Hamburg-München) verkehrt dabei im exakten Stundentakt, die übrigen Linien werden erst durch Überlagerung zu einem Stundentakt, aber nicht minutengenau. Nach Frankfurt geht es mal schnell, mal langsam. Eine Fernlinie soll alle 2 Stunden in beiden Richtungen in Göttingen durchfahren. Um das zu ermöglichen, stehen aber andere Fernzüge eine Weile in Göttingen herum.
Spürbare Aufstockung im Regionalverkehr nach Hannover und Erfurt
Das Angebot auf zwei schnellen Regionallinien soll verdoppelt werden. Künftig geht es jede Stunde über die Eichenberger Kurve nach Erfurt, Jena und Gera mit östlich unterschiedlichen Zielen wie Zwickau, Chemnitz und Altenburg. Im Leinetal soll der Nachfolger des heutigen „Metronom“ alle 30 Minuten Richtung Hannover verkehren – allerdings nicht mehr darüber hinaus.
Für Harz und Solling Verbesserungen, aber unter dem Strich viel zu wenig Fortschritt
Weitaus weniger gut sieht es hingegen im klassischen Nahverkehr aus. „Auf der Südharz- und der Sollingstrecke passiert wenig bis nichts“, erläutert der Harzer Fahrplanexperte Michael Reinboth – womit man dem erklärten Ziel, für das ganze Land flächendeckende Verbesserungen zu erwirken, nicht näherkomme.
Positiv aus Fahrgastsicht: Die Anbindung von Einbeck-Mitte wird analog zum Leinetal-Regionalexpress zum Halbstundentakt verdichtet. Ebenfalls auf der Plus-Seite, aber eigentlich kein Verdienst des Deutschland-Takts: Zwischen Kreiensen und Holzminden soll im Stundentakt gefahren werden sobald die Strecke ausgebaut ist. Das Zugangebot auf den Strecken Göttingen – Nordhausen, Göttingen – Kassel/Bebra, Göttingen – Paderborn, Göttingen – Bad Harzburg, Northeim – Bodenfelde und Braunschweig – Herzberg bleibt hingegen nach den Entwürfen aus dem Bundesverkehrsministerium nahezu unverändert. Spürbar bessere Anschlüsse können sich in Elze in Richtung Hameln und in Richtung Hildesheim ergeben.
Übergangszeiten jenseits der Realität
Für den Südharz und den Solling springen immerhin bessere Anschlüsse in Northeim nach und von Hannover heraus. Ob die in der Praxis funktionieren, muss bezweifelt, da die Gutachter des Bundesverkehrsministeriums auf den Südharzstrecken einen sehr knappen Fahrplan mit Umsteigezeiten in Herzberg und Northeim von nur 3 Minuten konstruiert haben, der aus Fahrgastsicht unrealistisch ist. Aschoff: „Die Übergänge in Herzberg von Osterode nach Göttingen sind schon für junge Leute eine Herausforderung und für jeden anderen definitiv nicht zu schaffen.“ Wird in Herzberg gewartet, klappen die Übergänge in Northeim nicht mehr. Hier müsse die Landesnahverkehrsgesellschaft LNVG als Aufgabenträger drin-gend nachbessern. Aschoff: „Die leidgeprüften Fahrgäste benötigen Anschlüsse, die sicherer sind als heute.“
Eine weitere Verschlechterung sieht PRO BAHN im Wegfall der ICE-Anschlüsse in der Relation Berlin – Südharz in Braunschweig, wo „drei Minuten Übergang völlig unrealistisch sind“. Auch die Kappung der durchgehenden Verbindung zwischen Nordhausen und Bodenfelde sowie ein Umsteigezwang in Bodenfelde dürften die Relation Südharz-Westdeutschland spürbar schwächen. Eine völlige Enttäuschung sei auch der neue Fahrplan für die Strecke Göttingen – Paderborn. Hier ist zwar ein reaktivierter Bahnhalt in Verliehausen eingerechnet, ansonsten bleibt es aber bei zu langen Aufenthalten in Bodenfelde (11 Minuten in Richtung Göttingen) und Adelebsen (5 Minuten in Richtung Paderborn).
Göttingen – Kassel und Bebra: Alles wie gehabt
Auch für die Nahverkehrslinien von Göttingen nach Kassel und Bebra sind nach Analyse des Fahrgastverbandes leider keine Erweiterungen geplant. Es bleibt beim stündlichen Angebot, welches jedoch in Bebra künftig Anschluss an einen schnellen Regionalzug nach und von Frankfurt bieten soll.
Fazit von PRO BAHN Südniedersachsen: „Für die West-Ost-Strecken fehlt der Wille zu Verbesserungen. Viele Anschlüsse sehen nur auf dem Papier gut aus. Generell ist der Deutsch-land-Takt auf Kante genäht und lässt Aspekte der Betriebsqualität zugunsten einer geschönten Optik außen vor. Als Basis für weitere Überlegungen ist der Entwurf zu gebrauchen, für eine 1:1-Umsetzung in den kommenden fünf bis zehn Jahren eignet er sich allerdings kaum.“

 

Foto: So wirbt das Bundesverkehrsministerium für den Deutschland-Takt