Regionalverband

Südniedersachsen e.V.

 

Fahrgastverband PRO BAHN

(0551) 24834
Link verschicken   Drucken
 

Die Geschichte des Bahnhofs Ellrich in Buchform

17. 11. 2020

Auf den ersten Blick wirkt der heutige Bahnhof Ellrich auf den Fahrgast wie eine ganz normale Station, auf der sich jede Stunde zwei Züge treffen, um in Richtung Nordhausen und Northeim weiterzufahren. Manch einer mag sich über den guten Zustand des Bahnhofsgebäudes wundern, ist er doch auf ländlichen Stationen der Deutschen Bahn anderes gewöhnt: Entweder gibt es nur noch kleine Hütten zum Unterstellen oder desolate Baulichkeiten, mitunter auch beides zusammen. Nicht so in Ellrich.

 

Tatsächlich weist dieser Kleinstadtbahnhof eine mehr als ungewöhnliche Geschichte auf. In seinen nunmehr 151 Jahren hat er allerhand erlebt und geht die nächsten 50 Jahre in nochmals völlig veränderter Form an. Er stand an der Wiege der Ellricher Industrie, die sich durch und mit ihm entwickelte: Gipsfabriken, Fabriken zur Herstellung von Schuhleisten, Webereien entstanden und siedelten sich rund um den Bahnhof an. Mancher Fabrikant errichtete sich in unmittelbarer Nähe eine prachtvolle Villa. Mit dem Bau der Kleinbahn nach Zorge und der Einrichtung der Buslinie nach Sülzhayn – Benneckenstein entwickelte sich der Bahnhof zu einem kleinen Knotenpunkt.

 

1944/45 musste er das Entstehen des KZ Ellrich-Juliushütte in seiner unmittelbaren Nachbarschaft mit ansehen und spielte beim Transport der Häftlinge eine unrühmliche Rolle. Seine schon vor dem Krieg ausgebauten Luftschutzeinrichtungen wurden allerdings nie benötigt – sie blieben aber erhalten und können heute besichtigt werden. Es kam die Zeit der „Zonengrenze“, in der Fahrgäste zu Grenzgängern wurden und sich rund um die Juliushütte viel Menschliches und Unmenschliches abspielte, bis der „Eiserne Vorhang“ endgültig niederging und den Bahnhof Ellrich zu einem Grenzbahnhof für Güterzüge werden ließ, dessen Sicherungsanlagen immer mehr perfektioniert wurden. Dennoch gab es immer wieder Fluchtversuche, von denen einer mittels Lkw über Bahngleise 1985 im Kugelhagel scheiterte.

 

Dann kam der 12.11.1989, der Tag, an der Personenverkehr in Richtung Westen auf ungewöhnliche Weise wieder aufgenommen wurde und Tausende die erste Gelegenheit zu einer Fahrt durch den Tunnel nutzten. Während danach der Reiseverkehr gegen viele Widerstände immer weiter ausgebaut wurde, erlebte der lokale Güterverkehr einen raschen Niedergang, viele Arbeitsplätze auf dem und rund um den Bahnhof gingen verloren. Auch der durchgehende Güterverkehr ging zurück. Vor dem Schicksal vieler deutscher Bahnhöfe, nämlich Verfall und Abriss der nicht mehr betriebsnotwendigen Gebäude, wurde der Ellricher durch die geniale Idee der Stadtväter und des Rates bewahrt, die sowohl das Empfangsgebäude wie auch den Güterschuppen von der Bahn erwarben und für die Zwecke der Ellricher Stadtfeuerwehr umbauten. Seither verfügt Ellrich über ein Schmuckstück an Bahngleisen – und stellt Räume und Toiletten für Reisende zur Verfügung!

 

Damit nicht genug, gibt es jeden werktäglichen Morgen dank der Lustlosigkeit der thüringischen Nahverkehrsplaner und des Desinteresses der regionalen Politiker das Schauspiel des „Geisterzuges“ zu bestaunen: Ein Triebwagen der DB Regio hält gegen 5 Uhr hier, um eine weitere Einheit abzukuppeln, aber niemand darf zur Fahrt nach Göttingen einsteigen… Auf dem Bahnhof kann mithin, wer möchte, jeden Morgen ein Stück realer deutscher Verkehrspolitik bestaunt werden.

 

Mit der Umstellung auf Fernsteuerung durch ein zentrales Stellwerk in Göttingen wurden im Sommer 2020 die beiden letzten betrieblich genutzten Gebäude, die Stellwerke, überzählig. Der Bahnhof ist nun unbesetzt – freilich nicht ganz, denn die überlegene Planungskunst der Deutschen Bahn ließ den Umbau des Bahnsteigs mit der Umstellung der Technik nicht Schritt halten, was bis auf weiteres den Einsatz eines Sicherungsposten erforderlich macht und die Züge in Richtung Nordhausen gleich zwei Mal innerhalb von 20 Metern zum Halten zwingt…

 

Stefan Zimmermann, seit Jahrzehnten bei der Ellricher Feuerwehr tätig und beim dortigen Feuerwehrmuseum engagiert, und Michael Reinboth, ebenso lange mit der Geschichte der Südharzstrecke und verkehrspolitischen Themen befasst, haben sich zusammengetan und auf 250 Seiten mit rund 400 Abbildungen die Geschichte dieses doch nicht so gewöhnlichen Bahnhofs und seiner Umgebung nachgezeichnet. Es ist gelungen, gerade für den Zeitraum von 1970 bis 1990 noch Zeitzeugen zu sprechen und deren Erlebnisse aufzuzeichnen. Einige Ellricher Sammler haben überdies Fotos zur Verfügung gestellt. Die allermeisten der historischen Bilder wurden bisher noch nirgendwo anders publiziert. Darunter befindet sich eine komplette Fotodokumentation des Grenzbahnhofs um 1988.

 

Das Buch im A4-Format wird Anfang Dezember beim Papierflieger-Verlag Clausthal-Zellerfeld erscheinen und kostet broschiert 17 €, die Ausgabe mit festem Einband wird für 27 € zu erhalten sein. Vorbestellungen nehmen der Verlag und die beiden Autoren gern entgegen.

Papierflieger-Verlag,

Michael Reinboth,

 

Foto: Schon historisch: Infolge des verunglückten Bahnsteigumbaus müssen die Züge aktuell nacheinander in Ellrich halten… Auf dieser Station ist eben nichts wirklich normal (Foto: Klaus Dietrich)